Der Welt erstes Phantastikmagazin

Das verehrte und hierzulande vor allem durch H. P. Lovecrafts Beiträge bekannte Magazin Weird Tales genießt heutzutage einen fast schon legendären Ruf. Von 1923 bis 1954 erschienen 279 Ausgaben und die Gattung der Weird Fiction wäre ohne dieses Pulpmagazin kaum denkbar. Dennoch – es war nicht, wie die meisten glauben, das erste seiner Art. Da gab es Vorläufer wie The Strand Magazine (1891-1950, dem wir u. a. die Erstveröffentlichungen der Sherlock Holmes-Kurzgeschichten zu verdanken haben), The Pall Mall Magazine (1893-1914), The Argosy (1896-1942), Cassell’s Magazine (1897-1932), Blue Book (1905-1975), Story-Teller (1907-1937), Adventure (1910-1971) oder Hugin (1916-1920). Es fällt auf, daß das (mit Ausnahme des letzteren, schwedischen) alles britische und amerikanische Titel sind … und doch gab es unter all diesen Publikationen vor den Weird Tales auch ein deutschsprachiges Magazin, das den Vergleich mit seinen Konsorten nicht zu scheuen braucht: Der Orchideengarten.

Heute kaum noch bekannt, brachten es die „Phantastischen Blätter“, so der Untertitel, von Jänner 1919 bis November 1921 auf 51 Ausgaben und obwohl zwei Nummern der Detektivgeschichte und eine Ausgabe erotischen Erzählungen über gehörnte Ehemänner gewidmet waren, wird der Orchideengarten von einigen als erstes richtiges Phantastikmagazin angesehen. Mit Sicherheit war es eines der schönsten! Nicht nur Freunde der Kunst dieser Zeit werden sich an den Titelbildern (von http://50watts.com/filter/orchideengarten/) ergötzen:

Die beiden österreichischen Herausgeber Karl Hans Strobl und Alfons von Czibulka (die später unglücklicherweise beide als Spießgesellen oder zumindest doch Sympathisanten der Nazis enden sollten) versammelten auf den jeweils 24 Seiten einer Ausgabe eben nicht nur Erstveröffentlichungen und Nachdrucke von Autoren wie Voltaire, Charles Nodier, Guy de Maupassant, Théophile Gautier, Victor Hugo, Auguste de Villiers de L’Isle-Adam, Guillaume Apollinaire, Charles Dickens, Edgar Allan Poe, Washington Irving, Amelia Edwards, Nathaniel Hawthorne, H. G. Wells, Karel und Josef Čapek, Leo Perutz, Alexander Moritz Frey oder E. T. A. Hoffmann, sondern bebilderten diese auch ausgiebig mit Abbildungen mittelalterlicher Holzschnitte und Stichen von Gustave Doré und Tony Johannot wie auch mit den surrealistischen oder fiebrig-expressionistischen Illustrationen zeitgenössischer Künstler wie Rolf von Hörschelmann, Otto Linnekogel, Heinrich Kley, Alfred Kubin, Otto Nückel oder Carl Rabus (ebenfalls von http://50watts.com/filter/orchideengarten/):

Der Orchideengarten war jedoch mehr als nur ein Magazin, das sich dem Phantastischen widmete. K. H. Strobl selbst war besessen von okkulten Themen (schon 1917 veröffentlichte er seine Geschichtensammlung Lemuria und im selben Jahr, als Charles Fort auf der anderen Seite der Welt sein Book of the Damned herausbrachte, erklärte auch das Editorial der zweiten Orchideengarten-Ausgabe im Hinblick auf übernatürliche Phänomene (vgl. hier):

Wir verwerfen nicht länger als Unsinn all jene Dinge, die in Begriffen der bekannten Gesetze der Physik nicht erklärbar sind. Geheimnisvolle Verbindungen zwischen menschlichen Wesen, unabhängig von räumlicher und zeitlicher Trennung, Gespenster, das Erscheinen von Geistern, sind wieder im Bereich des Möglichen …

In diesem Sinne fühlen wir uns bestätigt und freuen uns, eine Tradition der Phantastik aufgreifen und im 21. Jahrhundert fortsetzen zu können, die bei uns vor beinahe hundert Jahren begonnen hat.