Rezensionen zu Ausgabe 7

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Randolph C. auf Amazon, 13. März 2016

Drehe den Schlüssel, öffne das Tor…,

Schön langsam schäme ich mich ja ob all der Lobhudelei für das „Visionarium“-Magazin, aber was soll ich machen? So sehr ich auch suche, ich finde einfach nichts Negatives. Auch die siebte Ausgabe bietet keinerlei Grund zur Kritik.

Die drei von Susanne Hassler, Matthias Töpfer und Erik R. Andara illustrierten Kurzgeschichten, so unterschiedlich sie von der Thematik und vom Stil her auch sind, sind allesamt grandios. Ein großes Lob bei dieser Gelegenheit an Bernhard Reicher, der die Werke gekonnt ins Deutsche übertrug.

Elizabeth Hand entführt uns mit ihrer Novelle „In der Nähe von Zennor“ nach Cornwall. Einige jahrzehntealte Briefe seiner kürzlich verstorbenen Frau verleiten einen Witwer spontan dazu, auf ihren längst verwischten Spuren zwischen Menhiren und Fogous zu wandeln. Das sich beinahe zärtlich in die ungemein dichte Story schleichende Grauen steigert sich kontinuierlich. Großartig.

„Ein Treffen mit dem Bildhauer“ erlebt der Protagonist in Floris M. Kleijnes vielschichtiger Story, welche im Leser nicht nur ambivalente Gefühle hervorruft und moralische Fragen aufwirft, sondern sich letztendlich auch im Gehirn festsetzt. Behutsam strukturiert, packend geschildert, perfekt ausklingend, ganz große Klasse.

Ein Autor von Kurzgeschichten zieht sich in eine Hütte tief im Wald zurück, um allein und ungestört an seinem ersten Roman „Dunkelheit, Dunkelheit, verschlinge mich“ zu arbeiten. Doch die ersonnene Geschichte scheint auf die Realität abzufärben. Diese unheimlich-phantastische Erzählung stammt von Frank Roger und erinnert ein wenig an Lovecrafts „Die Farbe aus dem All“, ist aber deutlich expliziter und ekliger.

Sekundärliterarisch wagt Dr. Nachtstrom in seinem Essay „Hinter Schloß und Riegel“ einen Spaziergang durch unheimliche Häuser, welcher durch ein interessantes Interview mit Autor Ian Rogers abgerundet wird. Ein besonderes Augenmerk wird auf den Serienmörder Herman Webster Mudgett (1861 – 1896) gelegt, der in Chicago eigens ein Hotel errichten ließ, um seinem abscheulichen „Hobby“ ungestört frönen zu können. Schließlich spricht der Schriftsteller Wolfgang Hohlbein noch über seinen Roman „Mörderhotel“, der auf diesem grausamen Fall basiert, und außerdem unterhalten sich Bernhard Reicher und Rudolf Stark über „Geister, die in Büchern wohnen“.

Wie man sieht lohnt es sich also, den Schlüssel umzudrehen, das Tor zu öffnen und in das schillernde Reich von „Visionarium # 7“ einzutreten.

Frank Duwald auf dandelion | abseitige Literatur, 21. Februar 2016

Elizabeth Hand erinnert mich manchmal an diese sehr selten gewordenen Menschen, die noch die Fertigkeiten längst vergessener Berufe beherrschen. Mit Ihrer komplexen Novelle “Near Zennor“ [“In der Nähe von Zennor“] eifert sie den Meistern der Vergangenheit nicht nur nach, sondern stellt sich auch direkt neben sie. “Near Zennor“ lebt von Atmosphäre und Stimmungsaufbau, und Elizabeth Hand versteht es hier virtuos, sich insbesondere die Natur und die heidnische Vergangenheit Britanniens zu eigen und zum Hauptcharakter ihrer Geschichte zu machen. Algernon Blackwood praktizierte das Beschreiben einer berauschend schönen und doch feindseligen Natur in Formvollendung in seiner Novelle “The Willows“ [“Die Weiden“] (1907), aber, mehr noch zollt “Near Zennor“ Robert Aickman Tribut, dessen Erzählung “The Trains“ [“Die Züge“] (1951) mit ihrer rätselhaften Imagination einer trostlosen, vom Rest der Welt abgetrennten Natur, mir da als erstes in den Sinn kommt. Wie Aickman versteht Elizabeth Hand es, ein intensives metaphysisches Fluidum aufzubauen und mit einer realistischen Gegenwartskomponente zu verknüpfen, was in eine sehr reizvolle Synthese mündet.
Der Amerikaner Jeffrey Kearin, vermutlich Mittfünfziger und angesehener Architekt, trauert um seine Frau, der Engländerin Anthea, die völlig überraschend durch einen Gehirnschlag ums Leben kam. Bei der Auflösung des gemeinsamen Haushaltes findet Jeffrey in einer Blechdose fünf alte Briefe, die seine Frau als 13-jährige an den britischen Fantasy-Schriftsteller Robert Bennington schrieb. Alle Briefe waren ungelesen zurück an Anthea gegangen. Wie Jeffrey herausfindet, beendete ein Pädophilie-Skandal später Benningtons Karriere. Jeffrey ist umso beunruhigter, da aus den Briefen hervorgeht, dass Anthea und zwei Freundinnen damals Bennington tatsächlich zu Hause besucht hatten.
Da Jeffrey noch mit einer der Freundinnen, Evelyn, in Kontakt steht, fliegt er – in seiner Trauer sowieso zu nichts anderem in der Lage – auf der Stelle nach England und besucht Evelyn, von der er Hintergründe zu dem Besuch der Mädchen bei Bennington erfährt. Hintergründe, die einhergehen mit einem mysteriösen, rational nicht artikulierbaren Ereignis, das den Mädchen damals widerfuhr.
Interessant für Leserinnen und Leser, die sich auch für das weitere Werk Elizabeth Hands interessieren, ist, dass “Near Zennor“ nach dem Roman Generation Loss [Dem Tod so nah] (2007) ein weiteres Schlüsselwerk im Œuvre Hands ist. Wie die Autorin in Interviews preisgab, hatte sie als Mädchen zusammen mit zwei Freundinnen das gleiche unerklärliche Erlebnis wie es Anthea und ihre Freundinnen hatten. Mit “Near Zennor“ schrieb sie sich davon frei, denn bis heute hat Hand für das Erlebte keine schlüssige Auslegung.
Jeffrey setzt sich in den Zug und fährt nach Cornwall, in die Nähe der Küstenstadt Zennor, wo alles seinen Ursprung zu haben scheint.
Jetzt ist Elizabeth Hand da, wo sie hin wollte. In einer realen Welt, die so fremdartig wird, dass sie sich zu einer imaginären Landschaft voller Schönheit und Schrecken wandelt. Einer Landschaft aus Weiden und Mooren, mit einer manchmal krankhaft verdörrten Fauna, aber auch den Überbleibseln vorzeitlicher Kulturen. Uralte Steinmauern segmentieren die Landschaft in geometrisch scheinende Abschnitte, und Findlinge und Menhire weisen Jeffrey den Weg, der versucht, dieses unwirkliche Stück Land zu bezwingen. Sein Ziel ist die Golovenna-Farm, in der Robert Bennington vor vier Jahrzehnten die drei Mädchen empfing. Lebt Bennington noch? Niemand scheint es zu wissen, und als Jeffrey sein Ziel erkundet, ist er so einsam wie nur möglich und doch nicht allein.
Nicht viel passiert in “Near Zenna“, aber es wird ein Urinstinkt geweckt, dass da etwas ist, etwas, das nicht in diese Welt gehört. Die Stille und Langsamkeit, die Hands alternatives, magisches Cornwall ausstrahlt, schenkt uns ein traumartiges Empfinden, so als versinke man ganz langsam unter Wasser, wehre sich aber nicht hysterisch dagegen, sondern lasse sich mit aller Bereitschaft weiter sinken, um die Schönheit des Gesichteten und die absolute Lautlosigkeit zu genießen. Als wisse man gleichzeitig aber auch, dass man schnellstmöglich wieder auftauchen muss, um zu überleben.

Thomas Sebesta auf LibraryThing, 26. Januar 2016

Die Grazer Mannschaft hinter Visionarium hält tapfer das hohe Niveau, dass sie sich gesetzt haben, durch. Auch in der siebenten Ausgabe von Visionarium gibt es im sekundärliterarischen Bereich wieder einige Schmankerl die es sich lohnen lassen, die Ausgabe zu erwerben. Übrigens zu einem fairen Preis, wie ich meine. Die kleinen Vorwörter mit denen die Autoren der Geschichten vorgestellt werden sind hier grudsätzlich lobenswert zu erwähnen.
„Hinter Schloß und Riegel – Ein Spaziergang durch unheimliche Häuser“ eröffnet den sekundären Reigen. Eine kleine Plauderei mit Ian Rogers zum Thema „haunted Houses“. Ian Rogers ist Schriftsteller, Künstler und Fotograf und seine Kurzgeschichten sind in mehreren Publikationen erschienen.
Ein Interview von Bernhard Reicher mit Wolfgang Hohlbein über seinen Roman „Mörderhotel“ bietet einen gruseligen Einblick in die Geschichte eines monumentalen Hotel in den USA, dass vom vermutlich größten Massenmörder eigens gebaut wurde um Menschen zu ermorden.
Ein ganz spezielles und faszinierendes Thema vervollständigt den sekundären Reigen. „Im Dialog: Geister, die in Bücher wohnen“ – Bernhard Reicher im Gespräch mit Rudolf Stark über das NECRONOMICON und seine Verwandten. Grimoires als Portal?
Jedenfalls bietet das Werk eine ganze Reihe von inspirierenden Schriften, die der Lektüre wert sind. Also 5 Punkte sind wirklich verdient (und da habe ich die Kurzgeschichten noch gar nicht mitbewertet).

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